Gartenfreund

Einer unserer Bewohner kümmerte sich bei dem warmen Wetter die letzten Wochen um den Garten. Er hatte die Pflanzen im Garten mit einem Schlauch gegossen, legte die Auflagen für die Stühle nach draußen usw. Wir reden hier beim gießen nicht von einem kleinen Vorgarten, er benötigte für die Arbeit pro Tag um die drei Stunden. Und es waren schon heiße Tage dabei.

„Oh man, heute muss ich wieder die Blumen versorgen!“ sagte er mir dann ständig beim rauchen auf dem Balkon.

„Ja, lass es doch, Du musst das doch nicht jeden Tag machen.“ sage ich.

„Der Heimleiter fragte mich aber beim Einzug ob ich das machen könnte, ich habe zugesagt. Dann muss ich das auch machen.“ erklärt er mir.

„Super, aber fast jeden Tag treffen wir uns hier und man merkt das Du da überhaupt keinen Bock drauf hast.“ sage ich.

„Schon, ich habe aber zugesagt.“ meint er.

„Hast Du da eigentlich schon mal etwas dafür bekommen?“ frage ich.

„Wie meinste das? Geld? Geschenk? Hahahaha, ne.“ sagt er.

„Billige Arbeitskraft.“

Am nächsten Tag treffe ich den Heimleiter vor seinem Büro. Mal fragen was er von einem kleinen Obolus für unser fleißiges Helferlein hält:

„Sag mal, bekommt der Bewohner auch eine kleine Aufmerksamkeit für seine ganzen Tätigkeiten die er täglich ausführt?“ frage ich.

„Wie meinste das jetzt?“

„Schau mal, er kümmert sich täglich mindestens drei Stunden um den Garten, die anderen Kleinigkeiten jetzt mal nicht mitgerechnet. Im Monat sind das mindestens 90 Stunden, eher 120 Stunden die er arbeitet.“ sage ich.

„Und jetzt? Das ist für ihn Beschäftigung damit er eine Aufgabe hat. Er lebt doch da richtig auf. Er macht das jeden Tag. Besser als wenn er den ganzen Tag Däumchen drehen würde.“

„Der gute Mann hat fast jedes Wochenende Freunde und Bekannte da, fährt mit denen auch für mehrere Stunden weg. Da die dann frühzeitig los wollen gießt er die Blumen am Sonntag um 6:30h, ist völlig genervt danach weil er noch duschen muss und die Freunde gleich kommen. Das kommt ja nun nicht immer vor,klar. Aber er sagt es mir doch fast jeden Tag. Er hat da keinen Bock drauf. Ich hätte da auch keinen Nerv für, über 50 Jahre auf dem Bau malochen und dann die Verantwortung für den gesamten Garten bekommen.“ antworte ich.

„Ne, Sven, so nicht. Ich hatte ihn gefragt, er hat es zugesagt.“

„Ja, Du fragst ihn gleich am ersten Tag. Was soll er da sagen? Wenn er etwas zusagt macht er es auch. Ihn nervt das aber.“ sage ich noch einmal.

„Er hat eine Aufgabe, geht nicht in Langeweile unter, fühlt sich gebraucht und leistet sinnvolle Arbeit. Ich kenne ihn, der braucht ein Ziel.“

„Sorry, aber dann hast Du eine ganz schlechte Menschenkenntnis, er braucht keine Aufgabe, die fast an die Stundenzahl einer Vollzeitkraft grenzt. Er zieht sein Ding hier auch so durch ohne diese Zwangsarbeit.“ sage ich.

„Was willst Du jetzt von mir? Soll ich ihn bezahlen oder wie hast Du dir das vorgestellt? Dann müsste ich jedem Bewohner etwas geben der hier arbeitet. Das mache ich nicht.“

„Wir haben ja auch soooo viele Bewohner die hier arbeiten….“ antworte ich.

„Eine Bewohnerin von einer anderen Station z.B., die geht immer in die Wäscherei im Keller und faltet dort die Unterwäsche, soll ich die deiner Meinung nach auch bezahlen oder anstellen?“

„Die Bewohnerin macht das auch nur wenn sie Langeweile hat, maximal dreimal im Monat. Sie ist da freiwillig und nicht jeden Tag drei Stunden eingespannt.“ sage ich.

„Wie soll ich den Bewohner bezahlen? Ne, so geht das nicht. Mache ich nicht. auf keinen Fall.“

„Ich habe nie etwas von Bezahlung gesagt. Ein Gutschein vom Tabakladen wäre doch nett, da würde er sich richtig freuen.“ meine ich.

„Genau. Und wie hoch sollte der Gutschein deiner Meinung nach sein?“

„20-30€.“ sage ich.

„Und wo soll ich das Geld hernehmen? Das erkläre mir mal.“

„30€ sind da nicht drin? Hier wird so viel Geld alleine für Dekoration verpulvert, ein Bewohner, der hier stundenlang bei hohen Temperaturen im Garten steht bekommt da nicht einmal eine kleine Aufmerksamkeit. Das finde ich schon übel.Gerade auch weil er da keinen Nerv drauf hat.“ sage ich.

„Da kannst Du reden wie Du willst, von mir gibt es nichts.“

Und weg war er. Pah, dann nicht. Ich finde es kacke, muss er selbst wissen.

Am nächsten Tag, wir sind gerade in der Übergabe, kommt der Heimleiter auch dazu.
Er erzählte den Kolleginnen von unserem gestrigen Gespräch, machte nochmal deutlich wie gut es ist wenn man sich für die Bewohner einsetzt und dabei ehrlich ist.

Eine Aufmerksamkeit für den Bewohner gab es dann aber doch nicht.

Ich sehe den Bewohner im Winter schon Schnee fegen…..

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22 Antworten zu “Gartenfreund

  1. Andere auszunutzen, und sich dafür dann nicht im Geringsten erkenntlich zu zeigen, scheint in diesem Lande immer mehr Schule zu machen…

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  2. Nette Ausrede mit „Der macht das damit der eine Aufgabe hat.“ Ja, und wenn schon, auch wenn man etwas nur aus Zeitvertreib macht, freut man sich über Wertschätzung. Außerdem denke ich das es nicht die Tätigkeit an sich ist, sondern das Gefühl gebraucht zu werden.

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  3. Dafür sollte man einen Gärtner beauftragen und fertig. Oder die Bewohner fragen, wer sich das zutraut und die Aufgabe aufteilen unter denen, die Spaß daran haben. Das ist übel, das Arbeitspensum einem einzigen Bewohner aufzuhalsen. Geht gar nicht. Aber wie Freiedenkerin schon bemerkte, anderen Arbeit aufzuhelfen, ohne dafür etwas zu geben ist irgendwie gerade in Mode gekommen. Da fehlt es einfach an Anstand beim Herrn Heimleiter. Frag ihn mal, ob er wollte, dass sowas an die Öffentlichkeit dringt. Da muss nur ein Angehöriger mal davon Wind bekommen, dann habt ihr schön schlechte Presse.

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  4. Boh ist das mies. Keinerlei Wertschätzung, keinerlei Respekt. Ja, ich finde das in höchstem Maße respektlos. Sowas macht mich wütend.

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  5. Schreckliche Geschichte!

    Aber so sind die Heimleitungen nun mal. Sparen wo es nur geht und dank gibt es nicht :/
    Aber Versuchs mal mit den Stichworten „Bezahlung im Ehrenamt“.

    Ansonsten soll „Heinz“ es einfach sein lassen und nur das machen, wonach im gelüstet….

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  6. Eine andere Frage, die mir da einfällt. Etwas am Thema vorbei – wie kommt es denn, dass jemand der noch so fit ist, ins Altenheim zieht? Der Service?

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    • Ne, er wohnte zu Hause wie ein Messie, ich hatte Bilder aus der Wohnung gesehen, Tine Wittler würde ihre helle Freude haben. Essen nur aus der Pommesbude, nach Krankheit Job verloren. Auch wenn er zu den jüngsten Bewohnern zählt, ich glaube jetzt geht es ihm besser.

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      • Danke für die Antwort! Ja, dann macht es Sinn, wenn er zu Hause überfordert war, es aber bei euch wieder gut geht (bis auf den Aushilfsjob, den er zu seinem Zimmer dazugemietet hat…)

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  7. Hach ja, dieses Generation, die noch zu ihrem Wort steht und sich nicht traut, auch mal „nein“ zu sagen. Vielleicht sollte der fleißige Zwangsgärtner mal „die strengsten Eltern der Welt“ gucken – von den Jugendlichen kann er sich mal abgucken, wie die Generation, die künftig die Rentenkasse füllen soll, das mit den Rechten und Pflichten kreativ handhabt.
    Eine schöne Anregung… ich werde meiner Mom mal wieder eine kleine Schachtel Pralinen kaufen für ihre ständige Hilfe. Danke!

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  8. könnt ihr mir mal den Mann schicken? Ich hätte da nen Garten, der es echt nötig hat..und er bekommt auch was dafür, nette Menschen, die mitmachen, ne olle Hollywoodschaukel , auf der er beim gemeinsamen Grillen ausruhen kann und Zigaretten , soviel er will? LG

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  9. Ist ja echt heftig der Heimleiter. Aber unserer ist auch nicht besser. Als er kürzlich bei einer Gesprächsrunde versuchte einen Witz zu machen und ich pflichtschuldigst grinste, fuhr er mich an. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Sondern folgendes: Für die Außenanlage wurden neue Bänke angeschafft, eine kostet 250.- Euro. Und er hat die solventen Bewohner angesprochen, ob nicht jeder eine Bank bezahlen wolle, da käme dann auch der Name des Bewohners drauf. Nun, von meiner Station hat eine 95jährige Dame eine Bank gesponsort, also bezahlt. Und ist nun sehr stolz das ihr Name draufsteht. Beschwert sich aber gleichzeitig bei uns Mitarbeitern, das sie ja schlecht NEIN sagen konnte und die Bank aber viel zu teuer war.
    Finde ich auch ganz schön heftig, das de Bewohner die Bänke zahlen sollen bzw. bezahlt haben.
    Und statt irgendwelcher Bänke wäre es in menen Augen dringender gewesen vernünftiges und ausreichendes Lagerungsmaterial anzuschaffen, sowie neue Schnabelbecher, denn die alten sehen total verboten aus. (Da würde mir noch viel einfallen.) Aber das hätte man die Bewohner ja schlecht bezahlen lassen können.

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    • Das mit der Bank würde sich unser Chef nicht erlauben. Was für ein ekelhafter Typ.

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      • Ehrlich gesagt bin ich froh wenn ich ihn nicht sehe. Und sehe ich ihn doch, suche ich schleunigst das Weite.
        Unsere Fr. S. hat Parkinson und sitzt im Rollstuhl. Sie ist seit 6 Jahren bei uns und nimmt an der monatlichen Gesprächsrunde teil, die der Heimleiter leitet. Dann stand ein Busausflug an und der Heimleiter rief mich an um zu fragen, ob die Frau S. denn in den Bus klettern könnte. Er sitzt seit 6 Jahren mit ihr am Tisch und weiß nicht das die Frau kaum stehen kann? Ts ts ts.

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      • Abgebrühte Type da bei euch.

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  10. Hallo. Toller und interessanter Blog, soweit ich das überblicken konnte bis jetzt. Was mir noch eingefallen wäre: Zusatzgebühren, weil er ja Beschäftigung hat. Arbeitstherapie sozusagen… :/.

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  11. Gruselig, diese Geschichten. Da kann man nur inständig hoffen, nicht in die Hände so einer „Pflegeeinrichtung“ zu geraten. Auch wenn viele da eine tolle Arbeit machen, der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

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  12. wie wäres mit Sammeln und dem guten herrn dennoch was schenken. klar nicht eure Aufgabe – aber wenn es nur was kleines ist – ist es besser als garnichts 🙂

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