Hühner

Ein Bewohner sah mich im Schwesternzimmer:

„Soll ich jetzt die Hühner schlachten oder lieber nächste Woche?“ fragte er.

„Lieber nächste Woche.“

„Mag wohl stimmen.“ meinte er.

Die Sauerei kann er nächste Woche machen wenn ich frei habe…

Schmerzen

Frau I. klagte über Schmerzen, ich brachte ihr eine Tablette:

„Uuuuh, ohhj, Sie sind der Beste, was würde ich nur ohne Sie machen, prima, ach, toll, wunderbar, vielen Dank!“ sagte sie.

Eine Stunde später ruft meine Kollegin an:

„Du, Frau I. braucht etwas gegen Schmerzen!“

„Da war ich doch gerade und habe ihr was gebracht.“ sagte ich.

„Ne, sie sagte ‚der Sven kommt hier nie und bringt mir was, den habe ich schon Wochen nicht mehr gesehen, der gibt mir eh nie was auch wenn er arbeitet'“

Also machte ich mich wieder auf den Weg zu der Bewohnerin:

„Na, wie geht es?“ fragte ich.

„Ach, schlecht, wieso bringen Sie mir keine Tablette? Ich bettel und bekomme nichts, ist das alles schrecklich.“ sagte sie.

„Nehmen Sie doch die Tablette in dem grünen Becher direkt neben dem Glas.“ sagte ich.

„Ohh, da hat mir schon die Schwester eine Tablette hingestellt. Dann brauche ich keine Tablette mehr zusätzlich von Ihnen. Sie tun immer so viel für mich, ich kann mich nicht oft genug bedanken.“

Grrrrrrr.

Neuaufnahme

Vor drei Tagen ist eine neue Bewohnerin eingezogen, die Frau kam mir die ganze Zeit irgendwie bekannt vor.

„Waren Sie schon mal hier im Haus? Zur Kurzzeitpflege oder in der Tagespflege?“ fragte ich.

„Ne, gar nicht. Bin das erste Mal hier.“ sagte sie.

Merkwürdig. Ich kenne die Frau.

Nächster Tag, nochmal gefragt:

„Waren Sie schon mal auf einer anderen Station hier?“

„Ne, auch nicht. Auch wenn Sie mich jeden Tag fragen.“

„Mmh. Na, ok.“

„Ja, früher… früher hat meine Schwester hier gewohnt. Das ist aber schon zu lange Herr, junger Mann.“

„Wie war der Name Ihrer Schwester?“

„Maria Mustermann.“

„Maria Mustermann…. arbeitete bis zum Ruhestand im Blumenladen, ganz krummer Rücken am Ende, hatte die Prothesen immer ins Kissen gesteckt, hatte ihr Zimmer direkt neben dem Balkon im obersten Stockwerk.“

„…. Sie..Sie.. Sie kennen noch meine Schwester? Das ist so lange her. Ich kann das gar nicht glauben. Aber sie ist 1998 gestorben.“

„Da war ich schon hier.“

Daher kannte ich die neue Bewohnerin also. Sie verhielt sich früher immer so als wenn sie unsichtbar wäre oder wie ein Schatten wenn sie zu Besuch war. Als wenn sie nicht erkannt werden wollte oder keine Unannehmlichkeiten machen wollte. Eigentlich unauffällig aber trotzdem so auffällig dass man sich sie gemerkt hat. Vielleicht deswegen.

Natürlich kenne ich auf Kommando nicht mehr alle Bewohner von 1998-2021, das war Zufall in dieser Situation da ich auf der Station zu der Zeit arbeitete.

Wiedersehen

Nach ungefähr 12 Wochen war ich mal wieder auf einer Station im Bewohnerzimmer, wo eigentlich die Kolleginnen arbeiten, das ist die Station wo ich vorher jahrelang im Tagdienst gearbeitet hatte:

„MAN, MAN, WAS GIBT ES HIER ZU KLINGELN?!? ICH WILL AUF KEINEN FALL GESTÖRT WERDEN BEI DER ARBEIT!“ rief ich in das Zimmer.

„Ach ne, habe ich eine Entzündung an den Augen? Du lebst ja auch noch, darf doch nicht wahr sein.“

„Natürlich. Und ihr nervt mich alle noch extrem, mehr als vorher, aber das muss ich ja nicht extra erwähnen.“

„Ja, das ist klar. Wo warst du denn so lange? Ich habe schon immer in der Zeitung bei den Todesanzeigen nach dir geschaut, da war aber auch nichts zu lesen.“

„Als wenn du noch lesen kannst in deinem Alter.“

„Dir lese ich gleich was vor, sei besser vorsichtig.“

„So, ich muss los, wehe hier wird nochmal heute geklingelt, ich flippe sonst komplett aus.“

„Lass dich öfters mal sehen, hat mich gefreut dich zu sehen!“

So gefällt mir das. Leute anschnauzen und die freuen sich dann auf das nächste Wiedersehen.

Anfall

Ein neuer Bewohner klingelt, er möchte eine Flasche Wasser geöffnet haben. Danach trank er selbstständig und legte sich in das Bett, ich deckte ihn zu:

„Geht das so? Sonst alles in Ordnung?“ fragte ich.

„Ja.“

„Ok, bis später, gute Nacht.“

Dreißig Minuten später klingelte er:

„Sie haben mir überhaupt keine Zeit gelassen, ich habe auch andere Krankheiten. Alleine war das echt schwer zu bewerkstelligen.“ schimpfte er.

„Ich bin gerade überfragt, von was reden Sie denn überhaupt?“

„Nix. Ich will jetzt schlafen. Gehen Sie. Ich möchte das nicht diskutieren.“ rief er.

Ende vom Lied: er wollte seine Bettdecke noch faltenfrei streichen, ich sollte so lange dabei bleiben.

Klingeln, Frust ablassen und dann nicht verraten um was es überhaupt geht und einen aus dem Zimmer jagen.

Die neue Diva wird einen wohl noch des öfteren triggern.

Strichliste

Beim ersten Kontrollgang sprach mich ein Bewohner an:

„Du, der Hermann ist verstorben.“ sagte er.

„Ja, ich weiß, ziemlich plötzlich sogar.“

„172“ antwortete er.

„172??“

„Ich bin seit 11 Jahren hier, schreibe jeden auf der verstorben ist. Hermann war Nummer 172.“

Er führt ja richtig Buch darüber, wusste ich gar nicht.

172 Verstorbene in 11 Jahren nur auf einer Station.

Und wir haben im Haus 5 Stationen.

Irgendwann muss ich mir das Buch ausleihen, alle Namen würde ich niemals mehr ohne das Buch von ihm im Gedächtnis haben.

Fingernagel

„Du, Sven, mein Fingernagel ist komplett abgegangen, da hatte ich mich doch gestoßen.“ erzählte die Bewohnerin.

„Ja, stimmt. Wächst wieder nach.“

„Den Nagel habe ich aber noch. In meinem Nachtschrank. In einer Dose.“

„Und was soll der Quatsch wieder? Auf die Erklärung bin ich gespannt.“

„Der Nagel soll mit in den Sarg wenn ich gestorben bin. Der gehört ja zu mir…. haha, du guckst jetzt wie meine Tochter heute Nachmittag, die hat auch gedacht Mutter ist jetzt am spinnen.“

„Ja, kann ich nachvollziehen. Was soll der Blödsinn? Sammelst du also auch deine abgeschnittenen Fußnägel alle ein und möchtest diese auch mit in den Sarg legen?“

„Ne, so ja nicht. Das ist was anderes.“

Manche Ideen werde ich nie verstehen.

Präsentkorb

Ein Bewohner hatte zum 90. Geburtstag einen großen Präsentkorb bekommen, ich stehe im Zimmer und schaue den Korb an:

„Na, gefällt dir mein Korb?“

„Klar, sieht doch ganz nett aus „

„Ganz genau, nett. Was siehste denn da alles?“

„Schokolade, Mandelcreme, Tee, Kaffee, Süßigkeiten, Salben usw „

„Merk dir das, so einen Korb bekommste in meinem Alter. Ich sehe kein Bier, Wein, Schnaps, Zigaretten oder andere gute Sachen da drin.“

Das Bier habe ich ihm dann aus dem Kühlschrank besorgt.

Rütteldarm

„Heute war ich den ganzen Tag in der Stadt.“ sagte der Bewohner.

„Sehr schön!“

„Aber jetzt habe ich die Hose bis zum Anschlag voll. Weil ich ja in der Stadt war mit meinem Rollstuhl.“ erklärte er.

„Ok, ich verstehe den Zusammenhang gerade nicht.“

„Ob ich wohl durchgerüttelt wurde, daran schon gedacht? Die Schwingungen gehen auf den Darm und dann direkt raus.“ sagte er.

„Ahhhh. Wenn ich gleich hier die große Treppe hoch und runter renne dann habe ich also auch die Hose voll. Dann müsste ja jeder Spaziergänger oder LKW Fahrer die Hose braun gesprenkelt haben.“

„JAHA, DIE MEISTEN HABEN DIE HOSE AUCH DESHALB VOLL!!!“ schrie er zurück.

Ein Teufelskreis.

Erfahrung

Ein Bewohner am Rollator ging neben mir, ich begleitete ihn zu einem Stuhl.

„Haben Sie Kinder?“ fragte er.

„Ja, zwei Töchter.“

„Dann wissen Sie es ja.“ sagte er.

„Was denn?“

„Richtig.“ sagte er.

Und jetzt bin ich noch ratloser als vorher.