Pony

Herr D. spricht mich an:

“Du, kümmerst Du dich heute um die Pferde?”

Schwierig. Bin mit “Ja” und “Nein” bei der Frage schon bei ihm auf die Schnauze gefallen. Heute macht er einen “Ja” Eindruck. Mal probieren.

“Sicher, die sind alle versorgt. Mach dir da keine Gedanken. Alles in Ordnung.” sage ich.

Er klopft mir auf die Schultern, ist dabei richtig erleichtert:

“Mensch, toll. Dann muss ich das nicht machen. Ehrlich, Du rettest mir den Tag.” sagt er.

“Kein Problem, habe ich gerne gemacht.” antworte ich.

Er schaut mich an, überlegt:

“Was ist mit den Ponys?” fragt er mich.

Die Ponys. Die hatte ich vergessen. Was ist mit den Ponys? Gute Frage:

“Die sind bei den Pferden, haben schon Futter gehabt.” sage ich.

“Gut. Wolltest Du die zwei kleinen Ponys noch schlachten?” fragt er.

Momentan habe ich für Ponyschlachtungen keine Termine frei. Bei dem Bewohner weiß man aber nie ob er die Tiere lebendig oder geschlachtet haben möchte. Er hatte etwas leicht hoffnungsvolles in seiner Stimme bei der Frage. Kam mir so vor. Also heute keine Ponyschlachtung. Oder doch?

“Du, die haben gerade gefressen. Heute wird das wohl nichts mehr.” sage ich.

“Gut, gut, gut. Kannste auch nicht machen, die feinen Ponys. So schöne Tiere. Wundervoll, oder?” fragt er.

“Richtig wundervoll, prima Tiere.” sage ich.

Genau. Letzte Woche sollte ich den Ponys noch die Rübe abschneiden da die nutzlos sind und nur fressen. Natürlich habe ich die letzte Woche auch alle geschlachtet. Oder ihm das so erzählt.
Da war er glücklicher als heute.
Mal sehen wann es wieder Ponygulasch gibt…

Sotschi

Ein Bewohner spricht mich an:

“Du, der Putin hat ja gerade mit einem Panzer ein Flugzeug über Sotschi abgeschossen. Der macht was er will.” sagt er zu mir und schüttelt den Kopf.

Was? Habe ich etwas verpasst? Erstmal nachgeschaut, keine Meldung über einen Flugzeugabschuss gefunden.

“In den Nachrichten ist jetzt noch nichts über einen Panzer gemeldet worden der ein Flugzeug runtergeholt hat.” sage ich zu ihm.

“Nicht? Dann haste mir Blödsinn erzählt. Musste nicht machen.” sagt er.

Ich werde mich bessern.

Übergabe

Ich hatte Spätschicht am Samstag, von der Frühschicht waren meine examinierte Kollegin, ein examinierter Kollege, der nur wenige Stunden im Monat arbeitet und ein Schüler anwesend. Einige Minuten später kam eine weitere Pflegekraft dazu um mit mir in der Spätschicht zu arbeiten.
Die Übergabe verlief wie immer, wir waren nun bei einem Bewohner angelangt den der examinierte Kollege versorgt hat. Dieser Bewohner ist leicht dement, möchte jeden Tag duschen.

“Bei Herrn G. war nichts, wurde geduscht, sein Sohn war noch da, jetzt macht er ein Nickerchen.” sagt der examinierte Kollege.

“Hast Du ihn wirklich geduscht?” fragt meine Kollegin von der Frühschicht in einem vorwurfsvollen Ton.

“Hä? Klar, wie immer. Will er doch gerne.” sagt er.

“Mmmh. Komisch, für mich sieht er nicht geduscht aus, die Haare sehen so ungeduscht aus.” sagt sie.

“Ne, alles wie immer. Haare habe ich mitgewaschen.” antwortet er.

“Na, ich bin mir da nicht so sicher. Kann mir das nicht vorstellen. Der wurde bestimmt nicht geduscht.” sagt sie daraufhin in einem ganz ekeligen Ton.

Der Kollege schüttelt dazu nur mit den Schultern.

Nach der Übergabe sind alle weg, ich stehe mit der Kollegin der Frühschicht zusammen:

“Mit mir hättest Du so nicht geredet.” sage ich ihr.

“Wieso? Herr G. sah auf dem Kopf ungeduscht aus.” sagt sie.

“Warum fragst Du Michael nicht mal vorher? Hattest doch von 6-13:30h Zeit dazu. Warum fragst Du ihn vor allen Mitarbeitern und dann noch in dem ätzenden Ton während der Übergabe? Wenn Herr G. nicht geduscht wurde dann hätte Michael das auch gesagt, so ehrlich war er noch immer, da hat er noch nie gelogen. Es kann ja immer mal was dazwischen kommen. Gegen deine Anschuldigungen sagt er nichts da er nicht der Typ dafür ist. Das weißt Du genau. Unterste Schublade das Ganze.” sage ich.

Seitdem hat sie mit mir nicht wieder geredet. Ich habe mit dem Kollegen nochmal geredet, er hat Herrn G. geduscht. Er fühlte sich bei der Übergabe mies behandelt, sagt dann aber auch nicht wirklich was, vielleicht weil er noch jung ist. So etwas muss er sich nicht gefallen lassen.

Vielleicht liest sich das hier ein bißchen merkwürdig und man müsste die Leute kennen. Die Situation war zumindest völlig unfairer Mist.

Dachbodenfund

Auf unserem Dachboden stapeln sich mit der Zeit immer wieder Dekoartikel aus früherer Zeit. Meist Gegenstände von verstorbenen Bewohnern, die Angehörigen wollen die Sachen dann nicht haben. So auch dieses Bild. Es ist fast 2 Meter lang. Das Bild ist so kitschig dass es schon wieder genial ist.

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XXL

Unser Herr F. redet immer ziemlich derbe über alles. Meist aber nur mit dem männlichem Pflegepersonal, bei meinen Kolleginnen hält er sich dann doch zurück. Beispiele:

“Der Herr Karpfen braucht mal richtig was aufs Maul, der ist doch total bescheuert!”

“Die Weiber hier sind doch alle vertrocknet.”

“Deine Kollegin, das lange Gestell, die mag ich nicht. Bei der würde ich keinen hochbekommen. Da macht mein Schwanz nicht mit.”

“Deine Chefin hat aber auch einen fetten Bratarsch, übel. Am schlimmsten ist die Schwabbelwampe. Würdest Du die Alte flach legen? Auch nicht,oder?”

“Hier arbeiten könnte ich nicht. Die verfaulten Ziegen duschen müssen die hier wohnen, schrecklich.”

Usw. Irgendwann hört man da gar nicht mehr hin, er beleidigt auch keinen Menschen direkt.

Nun war Herr F. auf seinem Zimmer und blätterte in einem Katalog. Neben Kochtöpfen, Dekofiguren, Werkzeug, Geschirr, Schrauben und Unterwäsche gab es auch eine Seite mit Erotikartikeln. Es waren einige Softpornos, Vibratoren, Liebespillen und Salben zu sehen. Unter anderem konnte man eine XXL Penis Creme bestellen.

Ich war zufällig im Zimmer und er schaute sich (natürlich) die Seite mit den Erotikartikeln an:

“Hier Hubert, kannst dir ja mal die XXL Peniscreme auf die Stirn schmieren, mit viel Glück wächst dir da noch ein Pimmel.” sage ich.

“Ach, bin mit meinem zufrieden, der hat schon genug Weiber beglückt. Auch wenn die meisten Alten nur die Kreditkarte für Kleidung haben wollen. Man kennt doch die Weibsbilder.” antwortet er.

“So ist es.” sage ich. Mehr fällt einem dann meist eh nicht ein.

Zufällig kommt meine Kollegin in das Zimmer, sieht uns und schaut sich den Katalog an. Sie kennt den Bewohner, weiß auch wie er reagieren kann wenn er nur genug “Futter” bekommt um loszulegen:

“Oh, was ist das für ein netter Katalog? Aha, so, oha.” sagt sie.

Das war sein Kommando:

“Hier, Peniscreme.” sagt er.

“Ah. Wollen Sie das haben?” fragt sie.

Falsche Frage,ganz falsche Frage:

“Nix, ich habe 17 Zoll in der Hose, da brauche ich solche Peniscreme nicht zum bumsen. Die Weiber haben sich noch nie beschwert. Rein das Teil in die saftige F*tze, so haben die Weiber doch gerne. Man muss auch mit seinem Schwanz umgehen können.” antwortet er.

“Du bist aber auch ein Laberkopf…” sage ich.

“Nix, ist so.” sagt er.

Meine Kollegin ist in der Zeit wieder gegangen, auf dem Flur spricht sie mich an:

“Boah, wie er redet, kann man ja nicht ab.” sagt sie.

“Dann gib ihm kein Futter, musstest dja auch nachfragen bei der Creme. Hättest Du nichts gesagt dann wäre er auch nett geblieben.” sage ich.

“Ich verstehe ihn nicht.” sagt sie.

Natürlich quatscht er gerne Bullshit. Linke Ohr rein, rechte Ohr wieder raus. Fertig. Er beleidigt nie andere Bewohner. Von daher ist das Verhalten für mich akzeptabel.

Gesunde Omas

Heute Mittag kam mir eine Besucherin auf dem Flur entgegen, das Alter der Frau war schlecht zu schätzen, sie hatte eine Strickmütze auf dem Kopf und einen Schal um das Gesicht.
Irgendwie lief sie ohne Plan über die Station. Die meisten Bewohner machten zu der Zeit einen Mittagsschlaf, daher war jetzt auch nicht viel los.
Gut, erstmal ging sie den Flur hoch und runter. Sie ging an mir vorbei, erwiderte meinen Gruß nicht. Blieb stehen,schaute und ging weiter.

“Kann ich helfen?” frage ich nach zwei Minuten.

“Neeeein. Ich will zu meiner Großmutter.” sagt sie.

“Ah Ok. Wissen Sie wo Ihre Oma wohnt?” frage ich.

“Ja,klar. Frau Sz.! Die wohnt hier!” Sie zeigt auf das Zimmer und geht hinein.

Nach fünf Minuten kommt sie in das Schwesternzimmer:

“Wurde meine Oma zu Weihnachten eigentlich von meiner Tante oder so abgeholt?” fragt sie.

“Nein, das weiß ich sicher. Über die Feiertage war sie ziemlich erkältet. Da ging gar nichts.” sage ich.

“Oh, so. Vor zwei Jahren lief Oma ja immer über die Station, dies macht sie nun wohl nicht mehr.” sagt sie.

“Nein, dafür hat sie keine Kraft mehr. Einige Schritte mit dem Rollator schafft sie, für mehr Mobilität ist die Krankehit zu weit fortgeschritten.” sage ich.

“Ja. Genau. Sie liegt da jetzt so ruhig und schläft. Bekommt sie etwas zur Beruhigung? So kenne ich sie gar nicht.” fragt sie.

Der Klassiker. Oma wird im Altenheim vollgepumpt damit der Pfleger eine ruhige Kugel schieben kann….

“Nein, momentan schlafen fast alle. Die Bewohner kennen das von früher. Mittagsschlaf” sage ich.

“Ich habe Oma ganz anders in Erinnerung!” sagt sie.

“Wie lange waren sie nicht mehr hier?” frage ich.

“Zwei Jahre!” sagt sie.

Genau. Vor zwei jahren war Oma aber übelst durcheinander,kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Es gab hier viele Einträge von der Dame.

“Gut, in der Zeit hat sich bei Ihrer Großmutter viel geändert.” sage ich.

“Ich wollte ja eher kommen, meine Mutter wollte da aber nichts von wissen. Ich soll Oma noch fit und agil in Erinnerung behalten.” sagt sie,

Nein, fit war sie zu der Zeit kein Stück.

“Ah, wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf.” sage ich.

“24.” antwortet sie.

“Vor zwei Jahren war Ihre Oma aber auch nicht mehr in der Lage um alleine in den eigenen vier Wänden zu leben.” antworte ich.

“Ja, ich weiß. Aber Mama hat das nicht gerne. Ich soll mich lieber um mein Studium kümmern.” sagt sie.

Ey, geht es noch? Man kann doch mit 24 Jahren entscheiden ob man die eigene Oma besuchen will oder nicht. Da ist es doch völlig egal ob die Mutter dies gut findet oder nicht. Und dann noch aus solchen dummen Gründen. Die aktuelle Lebenssituation der Oma gehört doch auch zum Leben dazu. Der rosa Ponyhof hat schon lange geschlossen.

“Eigentlich können Sie ja machen was Sie wollen.” sage ich.

“Ja, mal sehen ob ich noch einmal reinschaue.” sagt sie und verschwindet.

Manchmal trifft man auch merkwürdige Menschen.

Wärmflasche

Gespräch im Speisesaal zwischen Schülerin und Bewohner:

“Du, ich brauche die Wärmflasche jetzt nicht mehr.” sagt der Bewohner zur Schülerin.

“Wo ist denn da eine Wärmflasche?” fragt die Schülerin.

“Na am Arsch. Da ist es warm und es stinkt auch.” sagt der Bewohner.

So, eine stinkende Wärmflasche am Gesäß.

“Ich wette 100€! Da ist keine Wärmflasche!” flüstere ich der Schülerin im vorbeigehen ins Ohr.

“Du bist bescheuert!” sagt sie.

Trotzdem hätte ich die Wette gewonnen.