Monatsarchiv: Juni 2021

Anfall

Ein neuer Bewohner klingelt, er möchte eine Flasche Wasser geöffnet haben. Danach trank er selbstständig und legte sich in das Bett, ich deckte ihn zu:

„Geht das so? Sonst alles in Ordnung?“ fragte ich.

„Ja.“

„Ok, bis später, gute Nacht.“

Dreißig Minuten später klingelte er:

„Sie haben mir überhaupt keine Zeit gelassen, ich habe auch andere Krankheiten. Alleine war das echt schwer zu bewerkstelligen.“ schimpfte er.

„Ich bin gerade überfragt, von was reden Sie denn überhaupt?“

„Nix. Ich will jetzt schlafen. Gehen Sie. Ich möchte das nicht diskutieren.“ rief er.

Ende vom Lied: er wollte seine Bettdecke noch faltenfrei streichen, ich sollte so lange dabei bleiben.

Klingeln, Frust ablassen und dann nicht verraten um was es überhaupt geht und einen aus dem Zimmer jagen.

Die neue Diva wird einen wohl noch des öfteren triggern.

Strichliste

Beim ersten Kontrollgang sprach mich ein Bewohner an:

„Du, der Hermann ist verstorben.“ sagte er.

„Ja, ich weiß, ziemlich plötzlich sogar.“

„172“ antwortete er.

„172??“

„Ich bin seit 11 Jahren hier, schreibe jeden auf der verstorben ist. Hermann war Nummer 172.“

Er führt ja richtig Buch darüber, wusste ich gar nicht.

172 Verstorbene in 11 Jahren nur auf einer Station.

Und wir haben im Haus 5 Stationen.

Irgendwann muss ich mir das Buch ausleihen, alle Namen würde ich niemals mehr ohne das Buch von ihm im Gedächtnis haben.

Fingernagel

„Du, Sven, mein Fingernagel ist komplett abgegangen, da hatte ich mich doch gestoßen.“ erzählte die Bewohnerin.

„Ja, stimmt. Wächst wieder nach.“

„Den Nagel habe ich aber noch. In meinem Nachtschrank. In einer Dose.“

„Und was soll der Quatsch wieder? Auf die Erklärung bin ich gespannt.“

„Der Nagel soll mit in den Sarg wenn ich gestorben bin. Der gehört ja zu mir…. haha, du guckst jetzt wie meine Tochter heute Nachmittag, die hat auch gedacht Mutter ist jetzt am spinnen.“

„Ja, kann ich nachvollziehen. Was soll der Blödsinn? Sammelst du also auch deine abgeschnittenen Fußnägel alle ein und möchtest diese auch mit in den Sarg legen?“

„Ne, so ja nicht. Das ist was anderes.“

Manche Ideen werde ich nie verstehen.

Präsentkorb

Ein Bewohner hatte zum 90. Geburtstag einen großen Präsentkorb bekommen, ich stehe im Zimmer und schaue den Korb an:

„Na, gefällt dir mein Korb?“

„Klar, sieht doch ganz nett aus „

„Ganz genau, nett. Was siehste denn da alles?“

„Schokolade, Mandelcreme, Tee, Kaffee, Süßigkeiten, Salben usw „

„Merk dir das, so einen Korb bekommste in meinem Alter. Ich sehe kein Bier, Wein, Schnaps, Zigaretten oder andere gute Sachen da drin.“

Das Bier habe ich ihm dann aus dem Kühlschrank besorgt.

Rütteldarm

„Heute war ich den ganzen Tag in der Stadt.“ sagte der Bewohner.

„Sehr schön!“

„Aber jetzt habe ich die Hose bis zum Anschlag voll. Weil ich ja in der Stadt war mit meinem Rollstuhl.“ erklärte er.

„Ok, ich verstehe den Zusammenhang gerade nicht.“

„Ob ich wohl durchgerüttelt wurde, daran schon gedacht? Die Schwingungen gehen auf den Darm und dann direkt raus.“ sagte er.

„Ahhhh. Wenn ich gleich hier die große Treppe hoch und runter renne dann habe ich also auch die Hose voll. Dann müsste ja jeder Spaziergänger oder LKW Fahrer die Hose braun gesprenkelt haben.“

„JAHA, DIE MEISTEN HABEN DIE HOSE AUCH DESHALB VOLL!!!“ schrie er zurück.

Ein Teufelskreis.

Erfahrung

Ein Bewohner am Rollator ging neben mir, ich begleitete ihn zu einem Stuhl.

„Haben Sie Kinder?“ fragte er.

„Ja, zwei Töchter.“

„Dann wissen Sie es ja.“ sagte er.

„Was denn?“

„Richtig.“ sagte er.

Und jetzt bin ich noch ratloser als vorher.

Rentenalter

Ja, das Rentenalter soll wieder hochgeschraubt werden, da fällt mir eine Situation ein ,die vor Jahren so ablief:

Eine neue Mitarbeiterin ist im Dienst, die Kollegin der Spätschicht kommt in Zivil auf Station, beide kennen sich nicht. Die Kollegin der Spätschicht ist kurz vor der Rente:

„Oh, haben Sie sich verlaufen? Hier ist das Schwesternzimmer, da können Sie nicht rein. Warten Sie, ich bringe Sie auf ihr Zimmer.“

„Ich glaube irgendwann erkennt man uns Mitarbeiter nur noch an der weißen Kleidung.“ sagte sie.

Ich glaube sie hat damit gar nicht mal so unrecht.

Traum

„Man, ich hatte gerade wieder von meinem Mann geträumt. Schlimm. Wenn er gesoffen hatte und dann besoffen auf dem Rasen im Vorgarten geschlafen hatte die halbe Nacht. Hat man ihm dann was gesagt dann hatte er… naja, ist auch egal. Ist lange her. Trotzdem träume ich da ständig von.“ sagte die Bewohnerin.

Einige Sachen wird man wohl nie vergessen.

Grüßen

Wenn einem morgens um 6 Uhr neue Mitarbeiter auf dem Flur entgegen kommen, diese nach dreimaliger Begrüßung innerhalb dieser Situation nicht zurück grüßen können dann stimmt doch was mit denen nicht.

Zimmerwechsel

03:45h:

Ein Bewohner kam aus seinem Zimmer, ich ging gerade an ihm vorbei:

„Ey, in das Loch gehe ich nicht zurück, das ist ja widerlich hier. Da kannste machen was du willst, mir egal.“ schimpfte er.

„Soll ich dir ein anderes Zimmer geben? Nicht so eine Hundehütte?“

„Ja, bitte!“

Auf der Station kann man einmal im Kreis laufen, wir gingen also herum, ich redete mit ihm, zeigte ihm dann wieder sein Zimmer:

„Schau mal hier, das ist das perfekte Zimmer!“ sagte ich begeistert.

„Wahnsinn, ich danke dir, hast was gut!“ antwortete er.

Demnächst:

Immobilienmakler Sven, einst war er Pfleger, die Menschen klatschten vor den geöffneten Fenstern während er in der Pandemie tapfer seinen Beruf ausübte. Nun aber holt er tapfer die Menschen aus ihren eigenen Häusern, läuft einmal durch die Siedlung, dreht wieder um und verkauft den Hauseigentümern ihr eigenes Haus. Selbstverständlich inklusive Maklercourtage.