Schüsselmusik

Herr Cl. leidet an Demenz. Als ich die Zimmertür von ihm öffnete wollte dieser gerade in das Waschbecken urinieren. Nachdem ich ihn auf die Toilette gesetzt hatte ging es los. Er brüllte aus vollster Kehle:

„Die Fahne hoch!
Die Reihen fest geschlossen!
SA marschiert
Mit festem Schritt.
Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
Marschier’n im Geist
In unser’n Reihen mit..“

Aha, heute also Patriot. So ging es dann fünf Minuten lang, immer lauter wurde er:

„Du solltest dich mal lieber auf dein Geschäft da konzentrieren.“ rate ich ihm

„Hat deine Mutter dir früher nie die Hymne beigebracht?“ fragt er.

„Nein, kann mich nicht dran erinnern.“ sage ich.

„Schlimm!“ antwortet er und schüttelt den Kopf.

Naaa, gibt schlimmere Sachen.

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10 Antworten zu “Schüsselmusik

  1. Ochjaaa die älteren Herrschaften haben eben andere Zeiten erlebt als sie jung waren. Wir haben auch einen Patienten, welcher uns mit dem Gruß „Sieg heil“ empfängt und der dazugehörigen Bewegung. Er kann gar nicht verstehen, das wir anders reagieren… Er lebt eben in einer vergangenen Welt….
    LG

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  2. Uff! Da ist der Herr innerlich wieder in jenen Tagen angekommen…

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  3. ich frage mich wo – in welchem film wir wenn wir mal alt sind „hängen“. in dem film der uns geprägt hat, die zeit wo unsere sozialisation stattgefunden hat . . . .

    insofern ist es doch kein wunder das alte menschen die in den jahen zwischen 1925/1930 geboren wurden vieles aus den folgenden jahren mit sich herumtragen. bei einigen ist es die begeisterung, bei anderen das trauma des krieges . . . .

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  4. Das ist allerdings wahr . . und steht imo auch für nicht verstehen was „menschlich sein“ bedeutet. Auch ich ertappe mich immer mal wieder dabei das ich meinen Maßstab – weil s für mich funktioniert muß es auch für andere funktionieren wenn man man s so macht wie ich, so denkt wie ich . . . .“ gerne und schnell bei anderen anlege. Da erhebe ich mich über Andere , schau auf sie herab. So funktioniert das „Mensch sein“ eben nicht. Sich zurücknehmen und den Anderen erkennen . . . .das ist mitunter nicht einfach . . . 😉

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  5. Na hoppla, bei der Verbindung Toilette und Hitlerlied fällt mir ein blöder Spruch ein, den ich von meiner „besseren Hälfte“ habe. Den kann ich aber glaub ich hier nicht posten. Aber suuuuper passen würde der! 😉
    Obwohl…oder doch nicht? Ach nee, ich trau mich nicht 😀

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  6. Zur Vertiefung des Problems empfehle ich das Buch „Die Nachhut“ von Hans Waal.

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  7. Beim nächsten Mal singst du mit – vielleicht aber doch lieber mit Brechts Kälbermarsch:

    Der Metzger ruft. Die Augen fest geschlossen
    Das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt.
    Die Kälber, deren Blut im Schlachthof schon geflossen
    Sie ziehn im Geist in seinen Reihen mit.

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