Krass? Hilfreich?

Eine Bewohnerin jault im Bett, sie möchte nicht aufstehen, sie hat sich in der Nacht wohl eingekotet, schämt sich dafür, liegt den ganzen Vormittag im Bett, nichts gegessen usw, das volle Programm.
Ich hörte wie meine Kolleginnen es mit den üblichen Phrasen versuchten, nur dies klappt nun wirklich nicht bei jedem Bewohner. Ich ging in das Zimmer:

„Bertha!“

„Sven, geh weg, ich steh nicht auf, ich will sterben!“

„Blödsinn!“

„Was sagst Du da? Ich habe mich mit Stuhlgang in der Nacht eingekotet, die Nachtwachen mussten mir helfen, ach, was war das schlimm, ne,ich stehe nie wieder auf. Ich könnte heulen!“

„Dann mach wenigstens das Fenster zwischendurch auf.“

„NEIN,nichts mache ich, ich will hier nur liegen. Kein Essen will ich sehen. Nie wieder. Schrecklich. Der liebe Gott soll Schluß machen mit mir.“

„Bitte nicht dann wenn ich Dienst habe.“

„Was sagst Du da?“

„Ich hab da heute gar keine Lust drauf, Bestatter anrufen, deine Kinder, den Arzt, das volle Programm.“

„Was? Dann schmeiß mich aus dem Fenster. Oder kannst mich aus so begraben.“

„Nix, bei dem Wetter buddel ich hier kein Loch im Garten, der Boden ist ja völlig hart.“

„Du kriegst gleich auch einen harten Schlag an Nacken! Dann steck mich in einen Sack und schmeiß mich weg.“

Ich gehe kurz weg, komme mit einem großen Müllsack und dem Zollstock wieder:

„So Bertha, ich muss dich mal eben ausmessen, der Sack ist etwas klein. Ja, kann passen, hier die Beine ein wenig reindrücken, da den Kopf quetschen, so könnte das klappen.“

„Oh, was bist Du ein Lümmel, warte bis ich aufstehe.“

„Das wird ja nicht passieren.“

„Ach.“

„Du, beim Bäcker habe ich angerufen.“

„Was Bäcker?“ sagt sie.

„Na, den Totenkaffee bestellt, ich lasse es mir dann richtig gut gehen, werde auch zwei Stücke Kuchen essen.“

Frau O. lacht laut, sie mag so ein blödes Gerede.

„Sven, was würde ich ohne dich machen?“

„Im Bett verfaulen.“

„Mmh, ich stehe gleich auf.“

10 Minuten später war sie angezogen. Da hilft dann nichts a la „Kann jedem passieren!“, „Ist nicht schlimm!“ und die üblichen Sachen.

Natürlich rede ich nicht mit jeder Bewohnerin so.

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14 Antworten zu “Krass? Hilfreich?

  1. Auf deiner/Eurer Station gibts wenigstens Einen der nicht nur die BewohnerInnen richtig einzuschätzen weiß, sondern auch dann noch so locker redet . .nämlich Dich. 😉 Wenn ich mir da so einiges Pflegepersona auf der Station – Wohnbereich meiner Mutter anschau . . . .da gibt n paar die haben nen Jungfrau von Orleans Komplex. Sie meinen meiner Mutter bei jeder Tätigkeit helfen zu müssen. Statt meiner Mutter die Zeit zu geben bis sie z.b. alleine aus dem Rollstuhl aufgestanden ist (dieses Alleine aufstehen macht für sie einen Teil ihrer Autonomie, Selbstständigkeit aus) wird meiner Mutter unter die Arme gegriffen und sie aus dem Rollstuhl „hochgezogen“. Sprech ich solch dämliches Verhalten an dann fallen die noch dämlicheren Sätze wie“ Wir haben nicht soviel Zeit . . .bla bla bla . . . “ Insofern liegt es auf der Hand das wenn mich die eine und andere Pflegerin sieht eine Grimmase zieht die „Um Gottes Willen, der schon wieder: Der is immer nur am meckern, dabei hat der keine Ahnung. Schließlich haben wir den Beruf GELERNT!“
    Meine Ma ist inkontinent. Mal mehr – mal weniger. Je nachdem wie sie drauf ist. Manchmal ist es ihr peinlich das sie Inkontinent ist. Dann wickelt sie die Inkontinenzhosen schön säuberlich in Zeitungspapier ein und versteckt sie irgendwo im Zimmer. Das „Wo“ vergißt sie idr immer. Entsprechend riecht es dann. Das dann die dämlichen Kühe mal nachschaun wo da was versteckt sein könnte . . .“Wir dürfen nicht in Schränke oder Schubladen schauen“ . . . Da könnt ich das Personal grad mal an die Wand nageln. Der Hygiene Aspekt geht ihnen in solch einer Situation völlig am Arsch vorbei . . . . Aber dann sind alle 5 beim Tabletten zuordnen . . .und Schwätzchen halten . . .

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    • @alivenkickn
      Guter Spruch auf deiner Seite:
      „Urteile nie über einen anderen Menschen, bevor du nicht 1000 Meilen in seinen Mokassins gegangen bist“
      @sven
      Du bist einfach genial!!
      Grosses Lob für deine „Arbeitsweise“ ud vielen Dank dass Du uns daran teilhaben lässt !

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    • Ähm, ist Deine Mutter vielleicht sturzgefährdet? Dann MUSS das Pflegepersonal dabei sein und Hilfestellung geben wenn sie aufsteht. Denn wenn sie fällt, ist das Personal für evtl. Verletzungen verantwortlich. Das kann in krassen Fällen bis zum Gerichtsverfahren führen!
      Und ja, Pflegepersonal MUSS die Privatsphäre der Bewohner unangetastet lassen, deshalb ist es uns verboten in Schränken und Schubladen zu stöbern. Wobei wir es trotzdem hin und wieder machen wenn der Bewohner nicht im Zimmer ist. Wir haben z. B. eine Bewohnerin die in der Schublade Lebensmittel hortet, da habe ich aus der müffelnden Handtasche auch schon mal ein grünlich schimmerndes uraltes Ei herausgeholt. Aber gedurft hätte ich es eigentlich nicht!

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      • nein tanja, das ist sie nicht. wie gesagt zum einen habe ich sie ja 10 jahre zu hause betruet und weiß um ihren gesundheitszustand – weiß wo/wann hilfe – auch mal „nachhaken und beharren“ angesagt ist.

        bzgl dessen das es verboten ist in schränken und schubladen zu stöbern. bezgl des aufgabenkreises der betreuung „gesundheitsfürsorge“ genaus dieser punkt ist im grunde genommen ausgeheblt wenn die zu betreuuende person in ein altenpflegeheim umzieht. vergammeltes essen in der schublade oder auch im kühlschrak im zusammenhang das das pföegepersonal nicht in schubladen nachschauen darf, konterkariert genau diesen aufgabenkreis „gesundheitsfürsorge“. und selbst wenn dies nicht im rahmen einer betreuung vorliegt – durch das betreuungsgericht ausgesprochen wurden, dann ist jeder heimvertrag was den aspekt der gesundheitsvorsorge bzw dafür sorge zu tragen das sich der gesundheitszustand nicht verschlechtert der größte witz da genau dies in keinem heimvertrag enthalten ist.

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  2. @wekade . . .ich bin grad am überlegen wie du das gemeint hast, aber ich habe meine ma über 10 jahre zu hause betreut. insofern weiß ich schon wovon ich spreche und kann unterscheiden. natürlich bin ich mir der rahmenbedingugen in einem altenpflegeheim gegenüber „zu hause“ sehr wohl bewußt. dennoch auch unter den bedingungen wie sie nun mal in einem pflegeheim sind kann man den menschen sehr wohl ihre selbstständigkeit in den bereichen belassen wo er noch selbst klar kommt. die meisten pflegerInnen handeln ja auch genau nach dieser maxime. der typ „ach komm du armer alter hilfloser mensch, ich weiß was für dich das beste ist“ entmündigt viele der alten menschen in heimen. solche pflegekräfte haben in einem altenpflegeheim nichts zu suchen. die sollten besser strassenkehrer werden . . . .

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    • Nochmal mein Senf dazu:
      Wir sind verpflichtet unsere Bewohner zu schützen und ihnen zu helfen, das hat mit Entmündigung gar nichts zu tun.
      Manche Pflegekräfte mögen es evtl. übertreiben, aber den Spruch, die sollten dann Straßenkehrer werden, finde ich völlig daneben.
      Wir sind auch verpflichtet die noch vorhandenen Ressourcen unserer Bewohner zu fördern, d.h. wenn jemand sich sein Brötchen noch selber schmieren kann dann lassen wir ihn das auch tun und nehmen es ihm nicht ab. Es gibt natürlich auch Bewohner, die schmieren sich am Montag ihre Semmel akkurat und am Dienstag wissen sie nichts damit anzufangen. Ich will damit sagen, dass wi tagtäglich 8 Stunden um unsere Bewohner herum sind, diese auch sehr gut kennen und Situationen demnach auch richtig einschätzen können.
      Naja, vielleicht hätte ich auch mal besser Straßenkehrer werden sollen – würde ich wenigstens mehr verdienen und hätte wochenends und feiertags frei.

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  3. Daumen hoch für Sven !

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  4. @Tanja: Leider gibt es in den Heimen nun mal keine 1:1 Betreuung, viele sturzgefährdete Bewohner stehen immer dann alleine auf wenn niemand dabei ist. Da kann man nichts machen.Wir haben da ganz nette Dokumentationszettel und Auswertungsbögen, eine körperlich agile Frau ist bei uns hingefallen (ich bin letztens auch mal díe Treppe HOCHgefallen), der Bogen wird ausgefüllt, es wird dokumentiert, Ergebnis: Die Frau ist sturzgefährdet. Gehe ich jetzt zu der Dame hin und will/muss ihr helfen, ich würde nach dem Dienst mit roten Backen nach Hause gehen, da ich nur Backpfeifen erhalten hätte.
    Die meisten Sturzprotokolle werden bei dem Punkt: „Wer war bei dem Sturz dabei?“ mit ´Bewohner war alleine.´ ausgefüllt. Das ist nun mal so, alte Menschen fallen, auch im Heim. Kann ein Bewohner den Transfer Bett -> Rollstuhl alleine, ist aber sturzgefährdet, so werde ich ihm nicht helfen, ob das nun Vorschrift ist oder nicht. Die Bewohner denken dann bei einer möglichen Hilfestellung das ich nicht alle Latten am Zaun habe.
    Auch wir haben Bewohner mit der Sammelleidenschaft für Lebensmittel, wenn ich so etwas weiß dann schaue ich aber täglich in die Schubladen, da interessiert es mich herzlich wenig ob ich das darf oder nicht. Man muss ja nicht mit einem Sonderkommando das Zimmer stürmen, die Bewohner sind verlassen ja auch mal das Zimmer.
    Keine Ahnung ob es schlimmer ist wenn der Bewohner ein grünliches Ei färbt oder ob ich in den privaten Sachen herumschnüffel um das mit dem Ei nicht so weit kommen zu lassen.

    Der Kommentar mit dem Straßenkehrer ist ja nun nicht auf die gesamten Altenpfleger/innen der Bundesrepublik zu beziehen, ich hätte aber auch ein, zwei Kolleginnen die dort besser aufgehoben sind als bei uns. Damit will ich nicht den Beruf des Straßenkehrers madig machen, nur da hat man weniger mit Menschen zu tun, was bei einigen Kolleginnen nicht zum Nachteil wäre.

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    • Vermutlich kommt es auch darauf an wie das Heim geführt wird. Bei uns ist es einfach wirklich verboten die privaten Schränke/Schubladen zu kontrollieren und wenn ich das trotzdem mache, hänge ich es nicht an die große Glocke.
      Wir haben z. B. zwei Bewohnerinnen, die riechen nicht gerade nach Rosen (die eine davon läßt überhaupt keine Pflege zu), die andere wenigstens ab und an. Und deren Zimmer, puh. Wenn ich die betrete, bleibt mir die Luft weg. Aber ich darf trotzdem nicht nach den Geruchsquellen suchen, es wurde mir von oben verboten als ich das Thema angesprochen habe. Ich weiß daß die Eine eßbares auf dem Balkon hortet und sich immer wieder beklagt dass sie – seit sie bei uns ist – durchfällig ist. Wen wunderts? Ich würde in dem Zimmer zu gerne richtig saubermachen und einiges entsorgen, ja wenn ich dürfte. Verstehen muß ich das ja nicht.

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      • Ich weiß daß die Eine eßbares auf dem Balkon hortet und sich immer wieder beklagt dass sie – seit sie bei uns ist – durchfällig ist. Wen wunderts?

        genau das ist doch der punkt – dieser widerspruch? noch mal es geht NICHT gegen Dich . . wo bitte wird hier dem aspekt der gesundheitsfürsorge Rechnung getragen? es dürfte mittlerweile bekannt sein das das immunsystem alter menschen wie auch kleiner kinder und chronisch kranker menschen besonders anfällig (für krankheiten) ist. wenn ein mensch nicht mehr in der lage ist sich selbst – seine situation „einzuschätzen“ dann richten sich viele seiner handlungen gegen sich selbst d.h. er schadet sich selbst. und genau dies ist ein punkt in der betreuung das – wenn eine solche situation eingetreten ist, ein betreuer vom gericht damit betraut wird damit genau das nicht passiert.

        und im heim argumentiert kommt dann eine anweisung: es ist verboten schubladen/schränke (wenn es offensichtlich wahrnehmbar – sichtbar ist – riecht . . .das was – doppelbildlich gesprochen faul im staate dänemark ist . . .

        aber ich sehe schon hier kommen wir nicht weiter . . . .

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  5. auch meine ma ist zu hause mal gefallen, sie hat n black out bekommen als sie aus dem bett in den rollstuhl umstieg, oder ist beim umsteigen von der toilette in den rollstuhl gefallen . . . das kann passieren zumal es100% sicherheit betreuung nicht gibt. und – du siehst es wie ich sven, eine 1:1 betreuung ist nicht gleichbedeutend mit rund um die uhr „24/7betreuung“ möglich – das wäre totale kontrolle.

    „Auch wir haben Bewohner mit der Sammelleidenschaft für Lebensmittel, wenn ich so etwas weiß dann schaue ich aber täglich in die Schubladen, da interessiert es mich herzlich wenig ob ich das darf oder nicht.“

    das ist der punkt den ich meine. um es in meiner sprache auszudrücken, ein pflegerIn sollte genug arsch in der hose haben um genaus dies zu tun. in sozialpädagogischem altenpflegerischem deutsch heißt das, das ein pfleger der so handelt nicht nur weiß was es heißt “ was das alter aus/mit menschen macht“ sondern es zeugt von einem hohen maß an mitgefühl, sorge um einen menschen und herzenswärme. solch einem pfleger sind die alten menschen – ist der beruf den er ausübt alles andere als egal.

    dieser beruf – sich um „menschen im alter zu kümmern“ ist einer der berufe die meinen allerhöchsten respekt haben.

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  6. Hats der alleskönnende Sven mal wieder gerichtet?
    Fein, Applaus!
    Wundert mich nur, dass dir dein persönlicher Triumph an und für sich nicht reicht und du dich nun hier auch noch profilieren musst.

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  7. Aha, die Andrea. Wundert mich, dass dir dein Beißring nicht ausreicht, sondern dass du dir ab und zu auch hier in den Kommentaren deinen Frust von der Seele schreiben musst, am besten immer unter wechselnden Fantasieadressen und in der Hoffnung, dass hier zensiert wird. Schön, dass der Blogger auch deine Frusttiraden stehen läßt.

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