Hundeschrauben

Der Hundeclub war wieder im Haus, unser Herr B. sah die Tiere und ging dort hin.
Optisch hat der gute Mann immer besten Stoff am Leib, er macht einen sehr seriösen Eindruck.
Leider ist er völlig dement, bekommt dann alles durcheinander. Trotzdem könnte man meinen das er geistig fit ist wenn man ihn nicht näher kennt. Kann man schwer erklären.
Die Besitzerin eines Hundes spricht ihn an:

„Hallo!“

„Hallo. B. mein Name.“

„Hallo Herr B.! Wollen Sie dem Hund auch eine Belohnung geben?“

„Wofür?“

„Ähm, tzja, mmh, einfach so.“

„Ja.“

„Hatten Sie früher auch einen Hund?“

„Mmmh…. nein. Ich hatte zweieinhalb Katzen.“

„Ja?“

Von weiter weg schreit in dem Moment eine Bewohnerin: „Hilfe, ich muss mal auf Toilette!!!“

Herr B. redet weiter:

„Die Katzen wurden in die Toilette gesteckt. Mit Schrauben am Oberteil.“

„Was?“

„Na, die müssen doch raus, ich habe auch eine Frau, mit der habe ich das auch so gemacht.“

„Ah.Ja.“

„Der Hund hat noch keine Schrauben.Ich frag den Chef, ich erledige das.“

Die Hundeführerin weiß gar nicht was hier gerade passiert, sie wechselt erstmal den Bewohner.

So, das habe ich mir jetzt mal genauer nachgefragt:

Er Herr B. war früher Tischler, deshalb die Aktion mit den Schrauben, kommt öfter vor, meist werde ich losgeschickt um das Holz vom LKW zu holen.

Zweieinhalb Katzen: Das war schon schwerer aus ihm herauszukriegen: 2 Katzen waren klein und jung, die andere war ganz alt, daher war es eine halbe Katze.

Das mit der Toilette kam natürlich durch die gehörten Wortfetzen der anderen Bewohnerin.

Muss ich nächstes Mal der Hundebesitzerin mal erzählen was er damit gemeint hat. Sonst kommt die mit dem Hund nie wieder.

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19 Antworten zu “Hundeschrauben

  1. Ist der Besuchshund mit Besitzerin einfach so bei Euch im Haus unterwegs? Bei meiner Mutter im Heim war das ein festes Ritual. Der Hundehalter des Therapiehundes war ein eher ruhiger Typ. Die kommunikativen Anteile hat die Heilpädagogin abgearbeitet, die den wöchentlichen Hundebesuch organisiert hat. Auf meinem Blog habe ich gelegentlich darüber geschrieben. Da gibt es auch Fotos vom Therapiehund.

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  2. Und was hat er mit der Frau genauso gemacht wie mit der Katze?
    Immer wieder interessant was bei dementen Bewohnern noch im Gedächtnis ist.

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  3. Mich interessiert, wie demente Menschen ihre Umgebung wahrnehmen, ihr Dasein und die Gegenwart erleben, und was man tun kann, um ihnen ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Darüber lässt sich wohl kein allgemeines Urteil fehlen, weil man auf jeden Patienten im Speziellen eingehen muss.

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  4. Also, bei meiner Katze ist bestimmt eine Schraube locker…aber ich denke, das war hier jetzt nicht gemeint.

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  5. @ Mahiat: Ich weiß es natürlich auch nicht, kann es nur aus meiner Sicht aufschreiben. Mein Vater war ab etwa anderthalb Jahre vor seinem Tod demenzkrank. Interessant zu beobachten war, dass er „switchte“, wenn seine falsche Wahrnehmung mit der Realität konfrontiert wurde, war er plötzlich wieder völlig normal. Dann war ich auch sein Sohn, den er mit dem korrekten Vornamen in hochdeutsch (wie eigentlich vorher immer) ansprach. Hatte er seine „Demenzphase“, war ich „Paul“ (ich weiß bis heute nicht, mit wem er mich in Zusammenhang brachte), oder „der mit dem Bart“, und er sprach plattdeutsch mit mir. Ich denke, dass was er während der Demenz erlebte und auch felsenfest glaubte, für ihn die völlig normale Realität war. WIR waren die, die in seinen Augen verrückt waren. Die ihm einreden wollten, er wohne bei uns. Die ihm einreden wollten, dass er Frau und Kinder habe. Wie oft hat er völlig verzweifelt dem „Paul“ (also mir) erzählt, dass da abends eine Frau zu ihm ins Schlafzimmer kommt, sich schamlos auszieht und dann in das Doppelbett geht. Das war mit seinen moralischen Vorstellungen völlig unvereinbar, die Frau (also seine Ehefrau) in seinen Augen eine total schamlose Person.

    Er hat mich oft angefleht, ihn doch „nach Hause“ zu bringen, was ich dann auch tat. Ich fuhr mit dem Auto zu dem Grundstück, auf dem sein Geburts- und Kindheitshaus gestanden hat, wobei er mir den Weg haargenau erklärte, natürlich mit der Anrede „Paul“ und in plattdeutsch. Standen wir dann vor dem jetzt unbebauten Grundstück, schaute er mich an, bedankte sich bei seinem Sohn (!) für die interessante Fahrt und bat darum, wieder zurück zu fahren. Wobei er mir wieder den Weg erklärte, genau wusste, wo er wohnt und auch alle Nachbarn benennen konnte. (Im Grunde zweifelte er an meinem Verstand, weil ich mir den Weg beschreiben und die Nachbarn aufzählen ließ: „Junge, das weißt du doch…“) Fuhren wir dann auf unser Grundstück, und öffnete ich ihm die Tür um ihm beim Aussteigen behilflich zu sein, flehte er mich umgehend an: „Paul, bring mie doch naoh Hus. Hier waohnt doch dat Wief, dat immer bie mie inne Kammer schlöppt“…

    Er lebte praktisch in zwei Welten. Ich habe mich oft gefragt, was gewesen wäre, wenn er grundsätzlich zur Aggressivität geneigt hätte. Ob er dann seine Frau wegen ihres schamlosen Verhaltens geschlagen hätte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er felsenfest von dem überzeugt war, was er als Realität ansah.

    Ich glaube auch nicht, dass man mit logischen Überlegungen in die Welt der Demenzkranken eindringen kann. Irgendwie muss da eine Art Verdrängungsprozess einsetzen. Schließlich war er 1908 geboren. Er betrachtete sich als unverheiratet, seine Mutter war erst vor ein paar Wochen verstorben, er muss sich also in den 40er Jahren gewähnt haben. Wie das mit Fernseher, Telefon, Autos usw. in Einklang zu bringen ist, ist mir ein Rätsel. Darauf angesprochen habe ich ihn öfter (eben um zu versuchen, ihn von der Logik her von seinem falschen Denken zu überzeugen). Als Antwort kam dann immer, dass es eben so ist, wie es ist.

    Ich frage mich manchmal, was besser ist: Dement zu sein und von seinem Zustand nichts zu wissen, oder aber bei klarem Verstand und zu sehen, wie das Alter einen verfallen läßt. Ich neige zur ersten Variante, wobei man aber auch sehen muss, dass es sicher auch belastend ist, sich ständig unter Fremden zu wähnen, die sogar ins Intimleben eingreifen, und Sehnsucht nach „zu Hause“ zu haben.

    Tja… das waren meine unmaßgeblichen Gedanken dazu….

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    • Zufriedener sind meistens die Demenzkranken.Die Gruppe ´klagt´halt auf andere Weise, sei es in Form von Not,Unruhe etc.
      Die Bewohner mit klarem Verstand klagen über den körperlichen Abbau, Aufgabe der Selbstständigkeit und natürlich über die an Demenz erkrankten Bewohner.
      Dieses switchen kommt öfter vor als man denkt. Nur meist fühlen sich die Bewohner in der Realität unwohler als in dem verwirrten Zustand.Genau umgekehrt.

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    • Es gibt ja verschiedene Stadien der Demenz. Wir haben zwei Bewohnerinnen, die teilweise dement und teilweise klar sind und dann auch wissen, dass etwas nicht stimmt. Damit haben sie natürlich ein großes Problem und sind deprimiert.
      Eine hat über einen wochenlangen Zeitraum hinweg immer wieder gesagt, — es ist schlimm wenn man merkt dass man verblödet –.
      Das hat mir sehr leid getan. Inzwischen ist diese Bewohnerin über dieses Stadium hinaus und in ihrer Demenz versunken, sie macht seitdem aber auch einen zufriedeneren und ausgeglicheneren Eindruck.

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    • Danke für die ausführliche Antwort.
      Ich neige, um die von dir gestellte Frage zu beantworten, auch zur „ersten Variante“. Nicht, weil man in dieser frei von jeglichen Problemen und jedweder Sorge wäre, sondern, weil ich es mir einfacher vorstelle, als ein derart großes Bewusstsein für den eigenen Verfall zu haben. Außerdem neigen Demente meiner Erfahrung nach je nach Grad der Erkrankung sehr dazu, nur für den Moment zu leben. Selbst wenn sie eine Situation als unangenehm empfinden, kurz darauf haben sie es vergessen. Und wenn sie mal zufrieden sind, dann lachen sie und freuen sich, aufrichtig und herzlich. Andererseits gibt es alte Leute mit klarem Verstand, die die Fähigkeit zur ehrlichen Freude gänzlich verloren haben.

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  6. Toller Blog – und ausgezeichneter Kommentar von Speculatius!!!

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  7. Ja, danke lieber Speculatius für Deinen so offenen Einblick in das Leben mit einem dementen Elternteil.

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  8. @tanja: Meine Mutter war sich die ganzen sechs Jahre ihrer Demenz bewußt. Über dieses Stadium kam sie nicht hinaus. Sie hat sehr darunter gelitten. Ich hatte den Eindruck, daß die Bewohnerinnen, die versunken in ihrer eigenen Welt lebten, es einfacher hatten. Meine Mutter konnte bis zum Schluß – wenn auch in immer einfacheren Strukturen und größeren Wortfindungsstörungen sprechen.

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    • Hallo Noga,

      Demenz hat unglaublich viele Gesichter, die Fälle sind immer unterschiedlich. Bei manchen Bewohnern kann man regelrechte Schübe registrieren, andere wiederum verharren jahrelang auf demselben Stand. Wir haben zwei Bewohnerinnen, bei denen seit 10 Jahren keinerlei Veränderung in irgendeine Richtung zu bemerken ist und wir hatten eine Bewohnerin, wo die Demenz in erschreckend rasantem Tempo voranschritt. Eine Bewohnerin fing an zu stottern, manche werden laut und zu richtigen Quasselstrippen, andere verstummen mit der Zeit immer mehr.
      Schlimm ist es für die Bewohner, die merken dass sie sich verändern, denn sie kommen damit kaum zurecht. Es ist ja auch eine schreckliche Krankheit. Depressionen bleiben da oft nicht aus. Deswegen versuche ich meine Leutchen auch immer wieder zum Lachen zu bringen. So sagte eine Bewohnerin kürzlich kichernd zu mir: Du hast auch immer irgendeine Lumperei (= Unsinn) im Kopf.

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  9. So lustig Geschichten über Demente auch klingen, mir jagt es immer Angst ein. Was würde ich von meinen intimsten Gedanken preisgeben, wie Lächerlich würde ich mich machen, wie verzweifelt wäre ich über all die Idioten um mich herum, die mich schikanieren und in einer fremden Umgebung festhalten? Wäre Demenz bloß ein Versinken im Nichts, ich hätte nicht mehr Angst davor als zu sterben. Die Tatsache, dass Demenz immer mehr in der Öffentlichkeit diskutiert wird, das Demente immer bessere Versorgung finden, dass es viele liebevolle Pflegekräfte à la Sven gibt, nimmt mir die Angst vor dieser furchtbaren Krankheit nicht.

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  10. naja, das ist eben das alter. man kann vorher nicht wissen wie es einmal sein wird und muss das akzeptieren. bis dahin finde ich das solche „anekdoten“ zu lesen dabei helfen kann mit dem thema offener um zu gehen und den ernst des themas etwas aufzulockern.
    außerdem vermittelt der blog hier nicht das betreffende personen verarscht werden sollen. ist ist eben eine reale schilderung über das leben im altenheim. und warum sollte man da nicht auch mal schmunzeln dürfen;)

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    • Ich schmunzele nicht nur über die Geschichten hier; manchmal brülle ich vor Lachen. Das hilft mir auch meine Angst vor dem Siechwerden zu bekämpfen. Und Lachen soll ja bekanntlich auch jung erhalten (mal abgesehen von den Falten, die es macht). Ich mag die Art, wie der Altenheimblogger mit seinen Bewohnern umgeht und wünschte mir, mal in seine Fänge zu geraten, falls es mal soweit sein sollte. Aber nachdenklich machen einen die Geschichten eben auch. Und das ist gut so.

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  11. Gefaellt mir gut die Seite. Schone Themenwahl.

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