Abschied

Herr B. liegt im sterben, die drei Töchter sind immer im Zimmer. Er ist klar bei Verstand, bekommt alles mit, kann sich aber nur noch per leichtem nicken des Kopfes verständigen.
Kurz vor Feierabend, ich habe Spätdienst, betrete ich das Zimmer, verabreiche das ärztlich angeordnete Morphin und verabschiede mich bei dem Bewohner:

„Heribert, ich mache Feierabend. Bis morgen, schlaf gut.“ Er nickt.

Die drei Töchter schauen mich an, so eine Verabschiedung haben sie von meinen Kolleginnen wohl noch nicht erlebt, man merkt das sofort.

„Sie schauen mich so leicht entsetzt an.“ frage ich.

„Ähm, ne.“

„Meine Kolleginnen gehen hier abends bestimmt anders aus dem Zimmer, nach dem Motto: ´Ach Herr B., wie gehts? Hatten Sie einen schönen Tag? Ist es nicht schön das Ihre Töchter hier sind? Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, eine wunderschöne Nacht und angenehme Träume.Und so weiter und sofort´“

Die drei Frauen lachen gleichzeitig:

„Ja, so ungefähr lief das sonst hier immer ab.“ antwortet die eine Tochter.

„Habe ich mir gedacht. Aber Sie kennen ja Ihren Vater, er war früher Wirt und nie so der Freund der vielen Wörter. Da hat man das kurz und knapp gemacht, passte ihm immer ganz gut. Warum soll ich mit dem Gerede gerade jetzt noch anfangen, er würde auch denken was mit mir auf einmal los ist.“

„Ne, da haben Sie völlig Recht, finden wir völlig in Ordnung.“

Ich kann da nicht auf einmal einen von Stapel lassen nur weil die Töchter alle anwesend sind.

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13 Antworten zu “Abschied

  1. Du bist richtig in dem Beruf. Du hörst auf dein Herz und machst einfach. ❤

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  2. Super wie Du das machst. Sich immer streng an das Lehrbuch zu halten ist nicht in jedem Fall das Richtige; siehe auch das mit dem „Du“, was bei uns ja strengstens untersagt ist, was wir aber trotzdem mit einigen Bewohnern praktizieren, wenn niemand in der Nähe ist.
    Wäre ja auch Quatsch mit jedem Bewohner gleich zu reden, der eine will das, der andere nicht. Genauso wie z. B. unsere Frau D. und unsere Frau M. immer hocherfreut sind, wenn man ihnen mal die Wange streichelt, sie warten da regelrecht drauf. Bei unserer Frau K. allerdings würde ich das nie machen, denn es käme denkbar schlecht an.
    Wir hatten mal einen Bewohner, der war richtig schlimm und ich hatte sogar etwas Angst vor ihm. und niemand ging gerne in sein Zimmer, nichtmal die Verwandtschaft. Der lehnte alles wütend ab. Er war ein großer Hundefreund und über meinen kleinen Hund fand ich mit der Zeit etwas Zugang zu ihm. Das war schon toll zu sehen; mein Hund ist nämlich ein etwas überdrehter kleiner Kerl und bei diesem Bewohner war er immer ganz still und lieb und kuschelte mit ihm und der Bewohner lächelte (was er sonst nie tat). Einmal meinte er dann zu mir, ich kann auch ohne Hund zu ihm kommen, er tut mir nichts. Und ich durfte seine Hand nehmen als es ihm schlecht ging – das ließ er sonst von niemandem zu. Er lebt nicht mehr, aber vergessen werde ich ihn nie.
    Die meisten unserer Leute reagieren sehr positiv auf Hunde, aber es gibt auch welche die Angst haben. Da halte ich den Hund natürlich fern.

    Dir ganz liebe Grüße,
    Tanja

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  3. Danke für deine Menschlichkeit – bin sehr beeindruckt von deiner Leistung und schon lange „stille“ Leserin…

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  4. Und genau deshalb ist es wichtig, daß Männder und Frauen in der Pflege, im Kindergarten und in der Grundschule arbeiten.
    Im ersten Heim, in dem meine Mutter lebte, gab es neben den üblichen Kaffeetrink- und Tanzcafe-Angeboten für die männlichen Bewohner regelmässig einen „Männerabend“, der sich eines sehr regen Zuspruchs erfreute. Meine Mutter wollte dann von ihrem Lieblingspfleger wissen, was ein Männerabend sei. Der meinte dann, sie würden Bier trinken, deftige Sachen essen, über Fußball, Sport und Autos reden und gelegentlich auch nicht jugendfreie Witze erzählen.
    Wenn ich dieses Blog lese, dann denke ich immer wieder an Mamas Lieblingspfleger zurück.

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  5. Ach Sven, das hat Du schön gemacht.
    Man muss die Leute da abholen, wo sie stehen, und in ihrer Sprache reden, die sie verstehen.

    Und schön, dass die Töchter trotz aller traurigen Gedanken trotzdem lachen konnten. Zu einem guten Abschied gehört eben nicht nur Trauer, sondern auch das Erinnern an all das Schöne und Gute, das die Wesensart dieses Sterbenden ausmacht. Und auch das Lachen.

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  6. Ich glaub, solches Personal wie Dich braucht es mehr …

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  7. Puh ! Danke für diesen Beitrag!
    Diesmal ist es nicht zum Schmunzeln – diesmal lehrst Du uns mal wieder, was dein Job alles beinhaltet.

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  8. Solche Informationen sind auch Gold wert, ich hab mir eben überlegt, dass Herr A. aber auch Glück hatte, dass entweder seine Angehörigen euch von sich aus etwas über ihn erzählten, oder ihr Pfleger und Schwestern euch gelegentlich die Verwandtschaft schnappt um zu erfahren „Was war Herr A. für ein Mensch? Was mochte er gerne, was hasste er? Was war er von Beruf? Liebte er diesen Beruf….? usw…“ Das sind auch wertvolle Infos, um eine Beziehung zu einem Menschen aufzubauen, der sich vllt. nicht mehr so gut mitteilen kann. Wenn das fehlt, liegt oder sitzt da nur ein Herr A. der mal Wirt war und Vater von 3 Töchter ist… mehr nicht. Wie ist denn das bei euch, gibts da spezielle Fragebögen oder sowas wie „Vorstellungsgespräche“ mit den nahen Verwandten, die dann wichtige persönliche Dinge erzählen sollen?

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