Eine neue Bewohnerin ist angemeldet, durch Vorabinformationen erhalten wir folgendes Material:
Die Bewohnerin kann: nicht alleine Nahrung zu sich nehmen, Getränke müssen angereicht werden, die Dame benötigt Hilfe bei Toilettengängen, be- und entkleiden muss vom Pflegepersonal ausgeführt werden, Grundpflege muss vom Personal übernommen werden.
Ok, also kommt dort eine relativ pflegebedürftige Person. Die Infos kommen vom Sohn, die Dame lebte bis vor ihrem Sturz bei dem Sohn und der Schwiegertochter.
Zwei Stunden später kommt dann die Bewohnerin mit dem Sohn.Mal abwarten.
Sohn und Mutter gehen in das Zimmer, ich erkläre alles, sie wollen ein wenig alleine sein. Später geht der Sohn nach Hause, Mutter meldet sich per Klingel wenn sie etwas benötigt sagt er.
Fünf Minuten später klingelt sie, ich betrete das Zimmer:
“Ach Herr Sven, ich brauche Hilfe.”
“Was kann ich für Sie tun?”
“Ich habe Durst.”
“Sie haben da doch ein Glas und eine Flasche Wasser auf dem Tisch stehen.”
“Und?”
“Nehmen Sie sich doch etwas zu trinken.”
“Da kann ich nicht alleine.”
“Wie kann es? Schmerzen in den Armen?”
“Ich kann es nicht.”
“Warum denn nicht?”
“Zu Hause hat mein Sohn mir das trinken angereicht.”
“Aber ich bin nicht ihr Sohn.”
“Ich soll das alleine machen?”
“Sicher.”
“Unverschämtheit.” Sie steht (alleine) auf, dreht die Flasche auf, füllt das Glas und trinkt alleine.
“Klappt doch gut.” sage ich.
“Und? SIE müssen mir helfen.”
“Ne, die Tätigkeiten, die Sie alleine erledigen könnnen, müssten Sie auch selbstständig erledigen. Ich bin ja kein Hausknecht.”
Natürlich hat sie dies dem Sohn erzählt, er beschwerte sich beim Heimleiter und dieser dämpfte die Vorstellungen des Sohnes.
Der Sohn war danach wieder bei mir:
“Wollen Sie später im Alter im Altenheim wohnen?” fragt er.
“Nach Möglichkeit nicht, wer würde das nicht bis zum Ende hinauszögern? Ich würde mir aber so viel wie es geht alleine machen wenn ich im Heim wohnen würde.”
“Sehen Sie, meine Mutter kann nichts alleine.”
“Doch, kann sie. Glauben Sie mir.”
“Sie kann ja nicht mal alleine aufstehen,dafür braucht sie Unterstützung.”
“Sieht nicht so aus, schauen Sie mal den Flur runter.”
Dort geht die Mutter ohne Rollator oder Stock, quitschfidel, selbstständig und ohne schwankenden Gang.
Mit schnellen Schritten geht er auf die Mutter zu,greift ihr unter die Arme zur Unterstützung und begleitet sie auf ihr Zimmer.
Natürlich macht die Bewohnerin bei dem Theaterstück mit, sie greift seinen Arm und klammerst sich an ihn. Schlechter gespielt als in den Daily Soaps.
Nun ist eine Woche vergangen.
Und die Dame ist die einzige Bewohnerin, die alles komplett alleine macht, ohne Unterstützung und Hilfe.
Dem Sohn passt es trotzdem noch nicht, ich glaube er will die Mutter pflegebedürftig sehen.